1961 – 1971

Der Neuanfang 1961

Im Oktober 1961 sprach mich Erwin Weinschenk an, ob ich beim Wiederaufbau einer Kanuabteilung in Gera- Zwötzen mit helfen möchte. Erwin Weinschenk, war der erfolgreiche Leiter und Trainer der Kanugeneration von 1947- 1955. Meine Frau Gerda und ich, wir waren seit Juli 1956 bei der Kanuabteilung Stahl Wünschendorf organisiert. Der damalige Vereinsvorsitzende Herbert Oeser hatte aus familiären Gründen sein Amt niedergelegt, so dass der Verein kurz vor dem Aus stand. So sagten wir kurz entschlossen zu, obwohl es für uns eine ungünstige Zeit war. Wir hatten uns in einer Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft angemeldet wo es jede Menge Arbeitsstunden zu machen gab. Außerdem war in unserer Familie Nachwuchs unterwegs. Durch Werbung in der Zeitung und von Mund zu Mund Propaganda, fanden sich bald eine stattliche Anzahl Mitmacher ein. Mitglieder der ersten Stunde waren unter anderem: Lothar, Liesbeth, Uwe und Edda Schattke, Horst und Monika Dietsch, Otto, Rosi und Christine Riedel, Hermann Schättler, Manfred Elschner, Hans Haubenreißer, er baute die beiden Bullaugen im Aufenthaltraum, Horst Zergiebel und Helga Stadler, Ingrid Grötsch. Etwas später kamen dazu: Norbert Kompalla und Karin, Gerd und Gerlinde Schmidt, Wilfried und Wolfgang Möller, Dieter und Helga Ossmann mit ihren beiden Söhnen, Horst Winkler. Wolfgang Wilhelmi und Bernd Hoy. So gab es erst einmal jede Menge Arbeit. Das Bootshaus unter der Turnhalle wurde einer gründlichen Sanierung unterzogen. So wurde der gesamte Raum unter der Turnhalle auf Stehhöhe ausgeschachtet, die Bruchsteinmauern mit Ziegeln verkleidet und verputzt.

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Im Aufenthaltsraum wurden Balken und Dielen verlegt. Dabei war es nicht immer einfach, das notwendige Material heranzuschaffen und so wurden auch so manche krummen Dinger gedreht. Aber auch der Sport kam nicht zu kurz. Durch Lothar Schattke wurden viele schöne Wanderfahrten organisiert. Für den Wettkampfsport hatte Erwin Weinschenk 4 neue Slalomboote der Firma Thiele gekauft. Es konnte auch hier losgehen. Die dazu benötigten Torstangen wurden im Kühl und Schankanlagenbau hergestellt und im Bootshaus mit der nötigen Farbe versehen. Das Drahtseil zum Aufhängen der Tore wurde vom Flugplatz Leumnitz beschafft. Die Bäume für die Ausleger der Tore wurden im Wald bei Zossen gefällt und als Floß auf der Elster zum Bootshaus transportiert. Es entwickelte sich ein reger Trainingsbetrieb wobei auch einige Wanderfahrer einen wichtigen Teil beitrugen, indem sie sich als Tor und Kampfrichter qualifizierten. In den Wintermonaten konnten wir einmal wöchentlich das alte Hallenbad zu Kenterübungen und Verbesserung der Kondition nutzen. Im Herbst 1962 war es dann soweit, wir fuhren zu unseren ersten Wettkampf, nach Zwickau. Wir reisten mit der Eisenbahn an, die Thieleboote wurden auf Bootswagen mitgeführt. Wir waren nur 2 Starter, hatten aber jede Menge Fans mit. Hier erlebten wir, obwohl es ein Nachwuchswettkampf war, wie die Sportart Kanu- Slalom betrieben wurde und was zur Organisation eines Wettkampfes dazu gehörte. Hier hatten wir auch zum ersten mal Kontakt zu Rudi Landgraf, dem Vater dieser schönen Sportart. Bald kam nun der Wunsch auf, selbst einen Wettkampf zu organisieren. Außer Erwin Weinschenk hatten wir keinerlei Erfahrung. So fuhr Lothar Schattke und ich nach Zeitz zu den damaligen Vereinsvorsitzenden Günther Blech, der uns wertvolle Hinweise geben konnte. Es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis, zwischen dem im Republikmaßstab und an Erfolgen großen Verein Zeitz und unserer jungen, aufstrebenden Sektion.

Sehr wichtig waren die Trainingslager und Wettkämpfe in Zwickau
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Wir ermöglichten den Zeitzer Kanuten, unser Hallenbad mit zu nutzen, und konnten uns dadurch auch so manchen Tipp holen. Am 15. April 1963 veranstalteten wir den ersten Einladungswettkampf nach dem Neubeginn 1961. Die Strecke befand sich dort, wo schon in den 50er Jahren um Zeiten und Strafpunkte gekämpft wurde. Auch in der heutigen Zeit befindet sich die Wettkampfstrecke dort. Viele Vereine reisten mit ihren Nachwuchs an. Die Strecke wurde im allgemeinen unterschätzt und es gab viele Kenterungen. Am 27. September 1963 wurde dann der 2. Einladungswettkampf, offen für alle Klassen organisiert. So kamen nach und nach die Jugendlichen zum Verein, wie: Sylvia Arnold, Heidi Neudert, Inge Senftenberg, Willi und Wolfgang Möller, Günther Gruber, Siggi Neumann, Bernhard Krügel, Michael Rothe, Erni, Wulf und Uwe Reinicke, Manfred Richter, Peter Jahn, Wolfgang Ille, die 2 Gebrüder Gleisner usw. Der große Zulauf brachte aber auch Probleme mit sich. Es waren nicht genug Boote sowie Zubehör da und das Geld war knapp. Da vermittelte Norbert Kompalla, dessen Vater bei der Wasserwirtschaft beschäftigt war, den Job, Klärteich sauber zu machen. Alle kräftigen Leute konnten da mitmachen und der Lohn war der Wert eines neuen Bootes. Auch das Transportproblem zu Wettkämpfen konnte Norbert durch die Wasserwirtschaft lösen. Anfangs wurde mit der „Halbplane“ gefahren. Der Fahrer, (Recknagel) machte das für einen Freundschaftspreis. 1963 besorgte Erwin Weinschenk 3 neue Hartung Slalom Boote.

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Aber immer noch reichten die Boote für Übungs- und Wettkampfbetrieb nicht aus. Da fingen wir an, Boote selbst zu bauen, aus Holzleisten und darüber Glasfasergewebe und Polyester. Die Zeitzer Sportfreunde liehen uns dazu einen sogenannten Block, über den die Holzleisten aufgenagelt wurden. Im Umgang mit Polyester und Glasfasergewebe hatte Gert Schmidt das größte Talent und Erfahrung. Die 10 Stk. selbstgebauten Paddel (Wäschestützen) bewährten sich nicht. Nun musste auch für den Transport der Boote ein Boots- wagen her. Lothar Schattke als Metallfachmann übernahm die Aufgabe und lies beim Schmiede- meister Braune in Heukewalde nach eigenen Angaben einen bauen. 1963 nahm der Verein zum ersten Mal wieder an Bezirksmeisterschaften teil. Sie fanden am 2. Juni auf der Mühlgrabenstrecke in Rudolstadt statt und ich qualifizierte mich für die Teilnahme an den Deutschen Meisterschaften der DDR am 6. und 7. Juli in Spremberg. Am 2. Mai 1963 nahm unser Verein am erstmals international ausgetragenen Wettkampf in Zeitz – Großosida auf der Weißen Elster teil. Die gesamte DDR Spitzenklasse, einschließlich der beiden Sportclubs war am Start, um sich noch einmal vor dem Internationalen in Zwickau zu testen. Die Weiße Elster hatte einen Pegel von 1,75 m über normal. An der Ausfahrt der Floßgasse war eine Walze entstanden, so das fast jedes Boot kenterte und nur nach einer Kenterrolle weiterfahren konnte. Der Wettkampf wurde unterbrochen, die Schotte etwas heruntergedreht und der Wettkampf neu von unten gestartet.

Das war der letzte große Wettkampf von Wulf Reinicke. Nach der Siegerehrung setzte er sich von der Mannschaft ab und flog von Bozen aus in die Bundesrepublik.

Die Schwallüberquerung war aber noch sehr schwierig. Umso bemerkenswerter war die Platzierung von Wulf Reinicke, der bei der männlichen Jugend Leistungsklasse II den ersten Platz mit 49 Punkten Vorsprung gewann. Erwähnens- wert wäre noch unsere Anreise zur Wettkampfstrecke. Wir fuhren mit unseren Booten von Gera nach Zeitz. Den Gepäcktransport übernahmen die Wanderfahrer. In der Slalom- Punktewertung verbesserte sich der Verein zum Vorjahr vom 49. Platz auf den 38. Platz, von insgesamt 55. Auch im Wasser – Wander- Sport machte der Verein Fortschritte. Waren es 1962 6 Sportfreunde die 3622 km paddelten, so kamen 1963 9 Sportfreunde auf 5803, was im Bezirksmaßstab den 3. Platz bedeutete. Viele schöne Wanderfahrten wurden, meist von Lothar Schattke, organisiert. Dabei entstanden zwei Traditionsfahrten. Die Frühjahrsfahrt auf der Weißen Elster und die Elbe- Fahrt im Oktober. Während die Elster- Fahrt eine ausgeschriebene Fahrt im Terminkalender des DKSV war und bis heute noch ist, handelte es sich bei der Elbe um eine Vereinsinterne Fahrt. So könnte man viele Fahrten aufzählen, wie die Winter-Sonnenwende in Schönburg, deren Ursprung eigentlich in Gera liegt. Die Saale – Fahrten auf vielen Teilstrecken, aber bevorzugt die Strecke Camburg-Weißenfels, mit Übernachtung im Bootshaus Schönburg. Einige Jahre war es der Spreewald und nicht zu vergessen, die Urlaubsfahrten mit Boot, Zelt, Kind und Kegel, meist nach Mecklenburg mit Endziel Pagelsee. Die jungen Slalomfahrer im Verein hatten einen enormen Ehrgeiz. Ein Teil von ihnen entwickelte sich so, dass sie bald mit der DDR Spitze mithalten konnten. Der Trainerrat der DDR, der ständig auf der Suche nach neuen Talenten war, wurde aufmerksam. Dabei durfte es nicht immer stures Training sein. Ganz wichtig waren die zahllosen Gammelfahrten, von Berga oder Plauen, mit und ohne Lagerfeuer, die sie zu einer verwegenen Truppe formte.

W a s s e r w a n d e r n
Wanderfahrt auf der Elbe von Bad Schandau nach Torgau. Hier werden die Faltboote am Start in Bad Schandau aufgebaut.
An der Weißen Elster zwischen Wünschendorf und Berga

1967 gehörten Uwe Schattke und Wulf Reinicke der Junioren Nationalmannschaft an. Auf Grund meiner guten Arbeit als Übungsleiter wurde ich von der Nachwuchskommission des DKSV für die Betreuung der Delegation der Juniorennationalmannschaft nach Novy Sacz, Polen, nominiert. Bei den Deutschen Meisterschaften in Altenbrak auf der Bode, gab es für unseren Verein, damals noch Fortschritt Gera, sehr gute Ergebnisse. So wurde Wulf Reinicke (DHfK) sowohl im Slalom als auch im Wildwasserrennen Zweiter, im Wildwasserrennen mit nur 1sec. Rückstand. Uwe Schattke wurde beim Wildwasserrennen Dritter und beim Slalom Sechster. Wulf Reinicke wurde mit einer Leipziger Mannschaft Deutscher Jugendmeister Wulf Reinicke wurde zur DHfK delegiert und etwas später zum Kanadierfahrer umfunktioniert. Er zählte neben Jochen Förster und Jürgen Köhler zu den besten C1 Fahrern jener Zeit. Seine Sportlerlaufbahn endete 1971 mit der Erringung des Weltmeistertitels mit der Mannschaft 3 x C1 und der Erringung des Vizeweltmeistertitels in Meran. Nach der Siegerehrung verließ er die Mannschaft und flüchtete in die BRD. Heute lebt er mit seiner Familie in den USA. 1968 war, nach dem Neubeginn 1961, eines der erfolgreichsten Jahre. Nach der Delegierung von Wulf Reinicke 1967 zur DHfK, rückten die Jungs Bernhard Krügel, Siggi Neumann und Michael Rothe nach. Auch der junge Uwe Reinicke zeigte schon gute Ansätze. Bei den Deutschen Meisterschaften der DDR 1968 in Altenbrak gab es hervorragende Ergebnisse. Bei den Wildwassermeisterschaften der Jugend K1 erreichten Uwe Schattke den 2. Siggi Neumann den 8. und Michael Rothe den 10. Platz. Im Slalom erreichte Uwe Schattke den 4. Siggi Neumann den 5. Bernhard Krügel den 6. und Uwe Reinicke den 16. Platz. Am Start waren 59 Sportler aus 29 Vereinen. Im Rennen der männlichen Jugend 3 x K1 wurde Gera mit Schattke / Rothe / Krügel Deutscher Meister mit 0,9 sek. vor Zeiss Jena. Diese Mannschaft war bei allen Wettkämpfer der Saison 1968 ungeschlagen! Das Kuriosum dieser Meisterschaften war, das die 6 besten Jugendfahrer im Slalom, bei den Erwachsenen sowohl im Einzel als auch in der Mannschaft starten durften. Dabei erreichte Uwe Schattke hinter Bremer, Horn, Döring, Stolle und Klinder den 6. Platz von 53 Startern. Bei den Mannschaften errangen sie den 4. Platz. In der Sektionspunktewertung erreichte Gera das beste Ergebnis seit dem Neubeginn 1961, den 8. Platz. 1969 wurde Uwe Schattke zur DHfK delegiert. Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften der DDR in Altenbrak erreichten Siggi Neumann und Uwe Reinicke mit dem Jenaer Müller im 3 x K1 einen 3. Platz. In der Sektions-Punktewertung erreichte Fortschritt Gera einen 12. Platz. Nachdem Uwe Schattke und Wulf Reinicke für die Nationalmannschaft der DDR aktiv waren, kamen auf die gleichaltrigen Mannschaftskameraden des Vereins wie Bernhard Krügel, Siggi Neumann, Michael Rothe, Günter Gleisner, Günter Gruber, Peter Jahn usw. andere Verpflichtungen wie Berufsausbildung, Studium auf sie zu. Auch die Mädchen spielten in dieser Phase keine unwichtige Rolle. Ein Generationswechsel kündigte sich an. In der zweiten Reihe standen die „Jungen“ wie Uwe Reinicke, Wolfgang Ille, Roland Oßmann usw. und nicht zu vergessen die Mädchen Sylvia Arnold, Heidi Neudert, Inge Sanftenberg usw. Ich erinnere mich gern an diese tolle Zeit und an die freudestrahlenden Gesichter der Jungs und Mädchen, wenn sie nach dem Kampf mit dem Wildwasser und den verflixten Torstangen siegreich waren, oder wenn sie nach verkorkstem Lauf enttäuscht waren und Trost brauchten. Auch ich war nach all den Jahren müde geworden. Oft stand ich allein auf weiter Flur und meine Familie hatte auch ein gewisses Recht auf mich. 1971 legte ich mein Amt als Übungsleiter nieder. Dem Kanu Sport aber bin ich bis heute treu geblieben. Mit den Wanderfahrern folgten herrliche Urlaubs – und andere Fahrten, wo meist die ganze Familie mit dabei war.

Unsere Förderer und Partner

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Wir bedanken uns bei allen Sponsoren und Partnern für die Unterstützung